@MARS e. V, Frankfurt, 28.02.2025 - 03.03.2025
Hearing Antagonist Manifesto 
In meiner künstlerischen Arbeit setze ich mich mit meiner eigenen Schwerhörigkeit, meinem Cyborg-Körper und Behinderung im Kunstbetrieb auseinander.
Ein Cyborg ist ein Lebewesen, das technisch ergänzt oder erweitert ist. Ich bin ergänzt. Ich höre schlecht, deswegen trage ich Hörgeräte. Mein Körper ist ein Cyborg-Körper und tritt unauffällig in Interaktion mit anderen.
Ich interagiere gleichzeitig ungewollt mit Gegenständen, denen ich sonst keine Beachtung schenken würde:
-Induktionsherde erzeugen ein Magnetfeld, das die Mikrofone meiner Hörgeräte stört und zerstört.
-Kopfhörer, die zu nah an meinen Ohren liegen, erzeugen eine Rückkopplung, einen hohen Piepton,  sodass ich in Museen oft keine Videoarbeiten anschauen kann.
-Wasser zerstört meine Hörgeräte: Cafés mit Luftbefeuchtungsanlagen im Sommer, Kanufahren, mit Freunden auf Badeinseln sitzen.
-Telefone, die ich nicht laut genug stellen kann.
Meine Behinderung und mein Cyborg-Körper erschaffen ein Verhältnis zu meiner Umwelt, das von der Norm abweicht: Mir stehen „Hearing Antagonists“ – Gegenstände, mit denen ich ungeplant interagiere – gegenüber. In meiner Malerei befasse ich mich mit allem, was mir Angst macht, mit allem, was mich stört.
Ich verarbeite meine Gegenspieler:innen in meiner Malerei. Mit Schaum- und Plüschstoff, verschiedenen Texturen und polychromen Farben stelle ich mich meinen „Hearing Antagonists“ und entmachte sie.
Große, leere Räume mit hohen Decken, wie ein klassischer White Cube, sind für mich und meinen Cyborg-Körper schwer zu nutzen. Hall und Lärm machen es für mich anstrengend, mich auszutauschen und andere zu verstehen. Ich leiste einen Mehraufwand: Mehr Konzentration, mehr Lippenlesen. Meine gebändigten „Hearing Antagonists“ gehören deshalb in Räume, in denen ich gut hören kann.
Ich überforme Gegenstände und Wände mit Stoff und befülle meine Bilder mit Schaumstoff, sodass sie Schall schlucken. Ich entwickle einen White Cube, der für mich als schwerhörige Person geeignet ist. 
Ich und andere Menschen mit Behinderung sind in ihrem eigenen Leben oft damit konfrontiert, dass andere, oft nicht behinderte Menschen, darüber entscheiden, was notwendig ist, um sie zu integrieren: Ob ich eine Regelschule besuche, welche Hörgeräte von der Krankenkasse übernommen werden, ob ich Gebärdensprache lerne oder ob Hörsäle akustisch an meinen Cyborg-Körper angepasst werden. 
In der Vergangenheit wurde eher Kunst über Menschen mit Behinderung gemacht, wie einige der Arbeiten in der Ausstellung „Sensation“ im Brooklyn Museum 1999 oder „Las Meninas“ von Velázquez (1656) zeigen. 
Es gibt Initiativen wie Eucrea in Deutschland oder die Ausstellung Crip Time in Wien. David Hockney redet öffentlich über seine Hörbehinderung und darüber, wie diese seine Kunst beeinflusst hat. Wissenschaftliche Publikationen werden gerade geschrieben. 
In meiner Arbeit stelle ich mich deshalb gegen diese Fremdbestimmung und stelle die Frage – warum behinderte Menschen von Kunst-Institutionen behindert werden und wie Cyborg-Räume für und von Cyborg-Menschen aussehen sollen. Ich vollziehe den Prozess der Selbstermächtigung und erschaffe eine Ausstellung, die auf meine Bedürfnisse als schwerhörige Person eingeht. 
Das ist exemplarisch. Im gesamten Kunstbetrieb muss in Ausbildung und in der Praxis Barrierefreiheit mitgedacht werden:
Dafür ist zentral: Alle Sinne spielen eine gleichwertige Rolle.
Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Temperatursinn, Schmerzempfindung, Gleichgewicht, Körperempfindung.
Die Wahrnehmung des Cyborg-Menschen als sinnlich erfordert Zugänge. Verschiedene Cyborg-Menschen werden Ausgangspunkt für eine barrierefreiere Kunstwelt.
Je mehr Sinne angesprochen werden, desto mehr Menschen können teilhaben.
Dazu ist wichtig:
1. Grundwissen über Barrierefreiheit muss Teil von Bildung sein.
2. Kunsthochschulen müssen für Menschen mit Behinderung zugänglich sein.
3. Geld und feste Arbeitsstellen für Barrierefreiheit in Kunstinstitutionen müssen eingeplant werden.
4. Kooperation statt Konkurrenz ermöglicht, dass Ideen, Wissen und Praxis miteinander geteilt werden.
5. Gruppen bilden, sich stärken, sich vernetzen.
6. Uneindeutigkeiten zulassen: Bedürfnisse und Barrieren ändern sich.
7. Radikale Zuwendung zueinander: füreinander sorgen.
8. Lernen, maximale Anstrengung von guten Ergebnissen zu trennen: Gute Ergebnisse bedeuten einen guten Prozess.
tbc

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